Die Gefahren der Silvesternacht sind jedes Jahr wieder ein Thema für Funk, Fersehen und schreibende Presse. Auch wir beteiligen uns an diesem „same procedure as every year“. Interview Termine in der Bundesanstalt für Materialprüfung (BAM) standen als erstes auf dem Programm. In den Räumlichkeiten des Bürotraktes suchten wir uns ein geeignetes Zimmer um die O-Töne aufzuzeichnen. Nachdem dieses gefunden war, war auch unsere Gesprächspartnerin bereit. Sie hatte bereits den ganzen Vormittag Telefoninterviews mit verschiedenen Radiosendern gegeben. Die ersten beiden O-Töne nahmen wir im Büro auf, die weiteren in den Katakomben der Bundesanstalt. Hier in den Bunkeranlagen, einige Stockwerke unter der Erde, lagern Proben und Muster der unterschiedlichsten Sprengkörper. Ja, auch die „harmlosen“ Silvesterböller gelten als Sprengkörper. Spätestens wenn man die Wirkung und Größe der hier gesammelten Exemplare sieht, wundert einen nicht warum. Die legal erhältlichen Knaller und Raketen sind da noch harmlos. Allerdings liegen hier auch Muster von illegal importierten Knallkörpern aus Polen und Tschechien. Einige dieser Exemplare brauchen in ihrer Wirkung den Vergleich mit Handgranaten nicht zu scheuen. Die größten Schwarpulvergebinde stellen jedoch die professionellen Feuerwerkskörper dar. In andere Form würde die hier verarbeitete Sprengstoffmenge locker zum Abbruch eines Mehrfamilienhauses reichen. Wir filmen sowohl Aufbewahrung als auch Testverfahren. Diese Tests müssen alle Feuerwerksartikel überstehen, welche mit dem begehrtem Prüfzeichen ausgestattet werden sollen, damit sie legal auf dem deutschen Markt vertrieben werden können.
Zum Abschluss drehe ich noch einige Abbrenntests kleinerer Feuerwerksartikel, die großen dürfen auf diesem Platz leider nicht getestet werden, sonder werden auf speziellen Sprengplätzen außerhalb Berlins gezündet.
Am frühen Nachmittag haben die Berliner Feuerwehr, die Polizei, die BSR und die Vivantes Kliniken zur Pressekonferenz gebeten. Unterstützung erhalten sie durch eine Abteilung der DLRG, welche sich auf die Darstellung von Verwundungen zu Schulungszwecken spezialisiert haben. Diese Abteilung kommt landesweit bei Katastrophenschutzübungen zum Einsatz. Heute stellen sie die häufigsten Verletzungen in der Silvesternacht dar. Aus eigenen Erfahrungen als Sanitäter kann ich bestätigen, dass sie die Realität sehr genau treffen.
Abgetrennte Finger oder ganze Hände, Gesichtsverbrennungen, Augenverletzungen und Schnittverletzungen durch umherfliegende Glasscherben sind kein wirklich schöner Anblick.
Die anwesenden Kamerateams und Kollegen der schreibenden Zunft stürzen sich auf jeden Tropfen Kunstblut (wir natürlich auch) und erwarten anschließend den Beginn der eigentlichen PK.
Nach der PK haben wir noch ein paar Einzelinterviews aufzuzeichnen und ich dreh gleich noch einige Schnittbilder von ankommenden Krankenwagen und dem Vivantes Klinikum Friedrichshain.
Anschließend haben wir eine ausgedehnte Mittagspause, da unser letzter Interviewpartner erst in zwei Stunden verfügbar ist.
Der junge Mann, der uns zum Abschluss Rede und Antwort steht, ist ein Silvesteropfer. Ein Feuerwerkskörper explodierte direkt vor seinem Gesicht. Zwar blieb er von Gesichtsverbrennungen verschont, jedoch brannten sich kleine Partikel in die Hornhaut seines rechten Auges ein. Auch eine Gefährdung durch den Explosionsdruck konnte nicht ausgeschlossen werden. Zu seinem Glück, verheilte die Hornhaut über einen Zeitraum von über einem Jahr ohne Narbenbildung, so dass seine Sehkraft nicht mehr eingeschränkt ist, jedoch ergibt sich durch den Explosionsdruck auf seinen Glaskörper ein erhöhtes Glaukomrisiko (grüner Star). Um dieser Erkrankung vorzubeugen muss er halbjährlich des Augeninnendruck kontrollieren lassen, lebenslang.
Als Interviewpartner ist er ein Glücksgriff, er spricht natürlich und trotzdem durchdacht und seine Antworten treffen den Ton der Zielgruppe.
Am Rande dieses Berichts möchte ich noch erwähnen, dass die Hauptgruppe der Opfer zwischen 18 und 25 Jahren, männlich und deutsch sind und aus Berlin Neukölln kommen.
Am nächsten Tag spielen wir das gedrehte Material ein und machen uns an den Roughcut. Die Redakteurin erarbeitet den Offtext und ich mache den Endschnitt. Eine vertonte Version des Beitrags geht an den Sender und eine unvertonte geht inklusive Shotlist und Text an das Webportal aus München.
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