Archiv für Dezember 2007

25
Dez
07

Silvestergefahren

Die Gefahren der Silvesternacht sind jedes Jahr wieder ein Thema für Funk, Fersehen und schreibende Presse. Auch wir beteiligen uns an diesem „same procedure as every year“. Interview Termine in der Bundesanstalt für Materialprüfung (BAM) standen als erstes auf dem Programm. In den Räumlichkeiten des Bürotraktes suchten wir uns ein geeignetes Zimmer um die O-Töne aufzuzeichnen. Nachdem dieses gefunden war, war auch unsere Gesprächspartnerin bereit. Sie hatte bereits den ganzen Vormittag Telefoninterviews mit verschiedenen Radiosendern gegeben. Die ersten beiden O-Töne nahmen wir im Büro auf, die weiteren in den Katakomben der Bundesanstalt. Hier in den Bunkeranlagen, einige Stockwerke unter der Erde, lagern Proben und Muster der unterschiedlichsten Sprengkörper. Ja, auch die „harmlosen“ Silvesterböller gelten als Sprengkörper. Spätestens wenn man die Wirkung und Größe der hier gesammelten Exemplare sieht, wundert einen nicht warum. Die legal erhältlichen Knaller und Raketen sind da noch harmlos. Allerdings liegen hier auch Muster von illegal importierten Knallkörpern aus Polen und Tschechien. Einige dieser Exemplare brauchen in ihrer Wirkung den Vergleich mit Handgranaten nicht zu scheuen. Die größten Schwarpulvergebinde stellen jedoch die professionellen Feuerwerkskörper dar. In andere Form würde die hier verarbeitete Sprengstoffmenge locker zum Abbruch eines Mehrfamilienhauses reichen. Wir filmen sowohl Aufbewahrung als auch Testverfahren. Diese Tests müssen alle Feuerwerksartikel überstehen, welche mit dem begehrtem Prüfzeichen ausgestattet werden sollen, damit sie legal auf dem deutschen Markt vertrieben werden können.

Zum Abschluss drehe ich noch einige Abbrenntests kleinerer Feuerwerksartikel, die großen dürfen auf diesem Platz leider nicht getestet werden, sonder werden auf speziellen Sprengplätzen außerhalb Berlins gezündet.

Am frühen Nachmittag haben die Berliner Feuerwehr, die Polizei, die BSR und die Vivantes Kliniken zur Pressekonferenz gebeten. Unterstützung erhalten sie durch eine Abteilung der DLRG, welche sich auf die Darstellung von Verwundungen zu Schulungszwecken spezialisiert haben. Diese Abteilung kommt landesweit bei Katastrophenschutzübungen zum Einsatz. Heute stellen sie die häufigsten Verletzungen in der Silvesternacht dar. Aus eigenen Erfahrungen als Sanitäter kann ich bestätigen, dass sie die Realität sehr genau treffen.

Abgetrennte Finger oder ganze Hände, Gesichtsverbrennungen, Augenverletzungen und Schnittverletzungen durch umherfliegende Glasscherben sind kein wirklich schöner Anblick.

Die anwesenden Kamerateams und Kollegen der schreibenden Zunft stürzen sich auf jeden Tropfen Kunstblut (wir natürlich auch) und erwarten anschließend den Beginn der eigentlichen PK.

Nach der PK haben wir noch ein paar Einzelinterviews aufzuzeichnen und ich dreh gleich noch einige Schnittbilder von ankommenden Krankenwagen und dem Vivantes Klinikum Friedrichshain.

Anschließend haben wir eine ausgedehnte Mittagspause, da unser letzter Interviewpartner erst in zwei Stunden verfügbar ist.

Der junge Mann, der uns zum Abschluss Rede und Antwort steht, ist ein Silvesteropfer. Ein Feuerwerkskörper explodierte direkt vor seinem Gesicht. Zwar blieb er von Gesichtsverbrennungen verschont, jedoch brannten sich kleine Partikel in die Hornhaut seines rechten Auges ein. Auch eine Gefährdung durch den Explosionsdruck konnte nicht ausgeschlossen werden. Zu seinem Glück, verheilte die Hornhaut über einen Zeitraum von über einem Jahr ohne Narbenbildung, so dass seine Sehkraft nicht mehr eingeschränkt ist, jedoch ergibt sich durch den Explosionsdruck auf seinen Glaskörper ein erhöhtes Glaukomrisiko (grüner Star). Um dieser Erkrankung vorzubeugen muss er halbjährlich des Augeninnendruck kontrollieren lassen, lebenslang.

Als Interviewpartner ist er ein Glücksgriff, er spricht natürlich und trotzdem durchdacht und seine Antworten treffen den Ton der Zielgruppe.

Am Rande dieses Berichts möchte ich noch erwähnen, dass die Hauptgruppe der Opfer zwischen 18 und 25 Jahren, männlich und deutsch sind und aus Berlin Neukölln kommen.

Am nächsten Tag spielen wir das gedrehte Material ein und machen uns an den Roughcut. Die Redakteurin erarbeitet den Offtext und ich mache den Endschnitt. Eine vertonte Version des Beitrags geht an den Sender und eine unvertonte geht inklusive Shotlist und Text an das Webportal aus München.

02
Dez
07

Fünf Tage in St.Petersburg

Zum zweiten Mal ging es für mich in diesem Jahr in die ehemalige Sovietunion. Nach Kasachstan stand diesemal Russland auf dem Programm. Das beste daran, die Geschichte dahinter ist noch unwirklicher als der deutsche Dirigent in Almaty.

Am Mittwoch brachte uns der Flieger in die ehemalige russische Hauptstadt. Was Zar Peter der Große hier errichtet hat ist definitiv eine Reise wert. Sicher, auch in St.Petersburg gibt es Ecken die nicht wirklich schön und gepflegt sind, aber in der Stadt tut sich etwas und immer mehr Bereiche werden saniert. Die Gebäude der sehr großen Altstadt, inklusive Eremitage, sind wundervoll anzusehen.

Wir sollten hier jedoch keinen Tourismus-Film drehen sonder eine Linsenübergabe.

Ich weiß, es hört sich merkwürdig an, aber die Geschichte ist so interessant, dass es sich lohnt weiter zu lesen.

Alles beginnt vor über 20 Jahren auf der schwäbischen Alb, eigentlich sogar schon früher.

Ein Bauer in Württemberg entschließt sich auf alte Pfade zurückzukehren. Er wandelt seinen Betrieb in einen Bio-Hof um und säht alte Pflanzen. Linsen. Auf der schwäbischen Alb sind schon früher Linsen angebaut worden, aufgrund geringerer Nachfrage und großer Konkurrenz, z.B. aus Kanada, geriet die Linse in Vergessenheit. Der Bauer aus Schwaben konnte die alten Linsen, die hervorragend für den kargen, trockenen Boden der Alb geeignet waren gab es nicht mehr. Nach langer Suche entschied man sich dann für italienische und französische Linsensaat. Immer wieder versuchte der Bauer die Alblinse 1 und 2 (so der Name der alten Linsen) zu finden.

Viele Jahre später, wurde ein Bekannter des Bauern fündig.

Aus dem einen Biobauern der erfolgreich Linsen anbaut, ist inzwischen eine Erzeugergemeinschaft von Bio-Bauern geworden. Und diese erfuhren nun das Unglaubliche.

Es gibt in St.Petersburg ein naturwissenschaftliches Institut, welches seit über 100 Jahren Saatgut von Kultur- und Wildpflanzen aus aller Welt sammelt und archiviert. aber nicht nur das, je nach Pflanze, müssen diese Samen alle paar Jahre regeneriert werden. Die Samen müssen angebaut werden, unter abgeschirmten Bedingungen aufgezogen werden, und neue Samen geerntet werden. Nur so können die Pflanzen über Jahrzehnte erhalten werden.

Das Vavilov – Institut , benannt nach Nikolai I. Vavilov (1887 – 1943) gilt als größtes Institut dieser Art weltweit. In weltweiten Expeditionen suchten Vavilov und seine Frau, sowie deren Nachfolger Kulturpflanzen und deren wildwachsende Verwandte und archivierten sie. Im Herbarium werden getrocknete Blätter Pflanzen und Früchte aufbewahrt und in der weltweit größten Genbank werden die Samen bewahrt. Viele längst als ausgestorben geltende Arten werden hier gehütet. Unter ihnen auch die Alblinsen.

In dieser Woche machten sich nun die Bauern der Bio Erzeugerngemeinschaft und einige Vertreter der Organisation Slowfood auf, um 100 Samen derAlblinse wieder nach Hause zu bringen. In Anwesenheit des deutschen Generalkonsuls, deutschen und russischen Medien und der gesamten Führungsriege des Instituts wurde das Saatgut feierlich übergeben. Die Augen der Bauern leuchteteten genauso, wie die der Mitglieder des Vavilov Institutes. Nie war ihnen bisher soviel Interesse der Öffentlichkeit gegönnt.

Unser kleines Team begleitete die deutsche Delegation zur Stadtrundfahrt und zum Rundgang im Institut. Wir drehten in Minus 18 Grad kalten Kühlhäusern und im Herbarium des Institutes. Sowohl bei der offiziellen Übergabe der Alblinsen als auch den privaten Geprächen der Bauern und der Institutsmitarbeiter waren wir mit der Kamera dabei. Auch zum festlichen Empfang des Generalkonsuls waren wir eingeladen (da dieser Empfang in der Dienstwohnung stattfand jedoch als Gäste und nicht als Kamerateam). Es ergaben sich Freundschaften und interessante Geschichten zwischen Schwaben und Russland. Wir werden diese weiter verfolgen und daran teilnehmen.

Ich freue mich, viele tolle und spannende Menschen kennengelernt zu haben und hoffe bald noch mehr davon berichten zu können. Die Alblinsen und viele andere Pflanzen können im Vavilov Institut wiedergefunden werden, vielleicht auch Tomaten mit Geschmack.

Ein Mitglied der Delegation Klaus Amler von Ökonsult wird im Regionalprogramm vom SWR am Montag den 03.12.2007 im Studio über die Reise berichten. Unsere Bilder sind als Material dabei.